Cutting long stories short

Zugegebenermaßen schaffe ich es nicht immer, mich kurz zu fassen ...
Immerhin sind meine Kurzgeschichten nicht zu lang.

... and there is more

Weitere Kurzgeschichten gibt es in meiner gedruckten Sammlung solcher Texte unter dem Titel Meschugge in Mogadischu

Joachim Mathieu

Dreihnachten in Bullerbü

 

»Oh nein, nicht der auch noch!«, stöhnte Bosse, der Ortsvorsteher von Bullerbü, als er kraftlos den Telefonhörer zurück auf das alte Wählscheibentelefon legte. Er ließ den Kopf in seine beiden Hände sinken. Die Ellenbogen hatte er auf dem Schreibtisch aufgestützt. Es nahm einfach kein Ende. Und jetzt also auch noch dieser Boris Johnson! 

 

In der Vorweihnachtszeit war ja immer viel los in Bullerbü, aber dieses Jahr schien es besonders schlimm zu sein mit den Anfragen aus ganz Europa, ja aus der ganzen Welt. Fast jeder wollte etwas von Bullerbü, das ganze Jahr über, vor allem aber an Weihnachten. 

 

»Warum glauben nur alle, wir in Bullerbü sind so etwas wie die Weihnachtsmannzentrale?«, fragte sich Bosse vom Mittelhof, dem in seiner Kindheit eigentlich niemand zugetraut hatte, dass gerade er einmal der Ortsvorsteher von Bullerbü werden würde. Und in diesem Moment bereute er es tatsächlich sehr, dass er nicht doch mit Kerstin vom Südhof durchgebrannt war. Stattdessen hatte er bekanntermaßen Inga vom Nordhof geheiratet. Dadurch war er nie aus Bullerbü weggekommen, und das Idyll kam ihm nun fast schon zu den Ohren heraus. 

 

Warum konnten sich die Leute—gerade zur Weihnachtszeit—nicht einfach an Santa Claus am Nordpol oder ans Christkind in dem schönen Ort Himmelreich wenden? Nein, immer wieder musste Bullerbü für alle her­halten! Besonders für die Deutschen. Denn die waren außergewöhnlich hartnäckig, was ihre Sehnsucht nach Bullerbü anging. 

 

Daher hatte Bosse für dieses Jahr entschieden, statt Weihnachten in Bullerbü erstmalig—und öffentlichkeits­wirk­sam—das neue Fest »Dreihnachten in Bullerbü« ins Leben zu rufen und zu vermarkten. 

 

Die Zahl drei passte ja von Haus aus gut zu Bullerbü mit seinen drei Höfen. Die Idee von Dreihnachten war aber vor allem, dass man so die rivalisierenden weihnachtlichen Besuchergruppen voneinander getrennt halten könnte. Denn es waren keineswegs nur die deutschen Grünen, denen man eine besondere Affinität zum schönen Bullerbü nachsagte. Nein, auch und ausgerechnet die AfD und deren rechter Frontmann Höcke waren ebenfalls bekennende Bullerbü-Fans. Alle wollten Bullerbü für sich reklamieren. Für jeden stand Bullerbü—und das nicht nur zur Weihnachtszeit—für die Verwirklichung der eigenen Träume. 

 

Man würde also den Grünen gestatten, auf dem Südhof so viele Windräder aufzustellen, wie sie auf den dazugehörigen 35 Hektar nur unterbringen konnten. Der Südhof würde komplett auf nachhaltige Bio-Produktion umgestellt werden, Traktoren würden nur noch mit Elektromotoren betrieben werden. Langfristig wollte man, wo es sinnvoll war, Zug- und Lasttiere einsetzen. In Brüssel hatte man bereits beträchtliche Fördergelder in Aussicht gestellt, um auf Ochs und Esel umzustellen. Fast jeder Tag war ein Veggie-Day, worüber sich dann bestimmt neben Ochs und Esel auch die Hirten auf ihren Feldern freuen würden. Schafe und Lämmer würden vornehmlich als organisch-biologisch-abbaubare Rasenmäher eingesetzt werden und nur noch selten auf dem Esstisch landen. 

 

Auf dem Mittelhof würde alles im Großen und Ganzen so weiterlaufen wie bisher. Die Kinder würden Schlitten fahren, man würde Plätzchen backen und wie immer würde es kleine Kabbeleien zwischen den Kindern der verschiedenen Höfe geben. Alles würde sich aber wie immer in Wohlgefallen auflösen. Man würde jedoch—denn auch der Mittelhof war inzwischen längst im 21. Jahrhundert angekommen—zu Weihnachten das eine oder andere Smartphone unter dem Christbaum finden und sich darüber freuen, dass ganz Bullerbü seit letztem Sommer ans schwedische Glasfasernetz angeschlossen war. Möglicherweise würde auch das 5G-Mobilfunknetz bald in Bullerbü und Umgebung verfügbar sein. 

 

Der Nordhof dagegen würde mittelfristig an Björn Höcke und die AfD verpachtet werden. Denn Höcke hatte bereits im November 2017 in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung davon gesprochen, dass er sich in Thüringen sein eigenes imaginiertes kleines Bullerbü geschaffen hatte. Jetzt zu Weihnachten (aber auch darüber hinaus) wollte er zu gerne das Original übernehmen. 

 

Höckes Vorstellungen von diesem idealisierten Ort hatten natürlich nichts mit dem Öko-Multikulti-Bullerbü der Grünen zu tun. Vielmehr würde man auf dem Nordhof künftig nur noch blassen, nordischen Menschen begegnen. Die einzige abweichende Hautfarbe wäre da gerade mal ein kräftiges Rot der Backen und Nasenspitzen, wenn man vom Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Weiher des Nordhofes in die gute Stube kam. Auf dem Nordhof gab es selbstverständlich keinen Klimawandel. Die Winter waren dort besonders eisig und überhaupt war da alles wie früher. 

 

Um sich vom Mittelhof, aber insbesondere vom Südhof, abzuschotten, würde man spätestens zu Weihnachten 2022 entsprechende Vorkehrungen treffen. Bei manchen hielt sich sogar hartnäckig das Gerücht, Höcke und seine Thüringer AfD-Kameraden hätten noch alte Selbstschussanlagen aus DDR-Beständen aufgekauft, um einen anti-öko-faschistischen Schutzwall in ihrem schwedischen Sehnsuchtsort zu errichten. Auf entsprechende Nachfragen der ungeliebten Systempresse hatte Höcke selbstverständlich gebetsmühlenartig wiederholt, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu bauen … 

 

Nicht ganz leicht zu lösen war dann die Frage gewesen, ob man auch die neu gegründete Partei dieBasis (die sich wirklich so schreibt!) auf dem Nordhof ansiedeln könnte. Auf vielen Feldern war Streit sicherlich vorprogrammiert. Man war sich jedoch einig, dass es eine Impfpflicht auf dem Nordhof niemals geben sollte. Wenn die tapfer Ungeimpften des Nordhofes dann doch schwer erkranken sollten, würden sich im Mittel- und im Südhof bestimmt ausreichend freie Intensivbetten finden. Eine gemeinsame Basis mit derBasis und anderen Freiheitskämpfern hatte man also. Auf ein Einreiseverbot für Geimpfte würde man sich bestimmt schnell verständigen können. 

 

Auch Einladungen an hochrangige Politiker aus Ungarn und Weißrussland wollte man aussprechen, um mit jenen gemeinsam Weihnachten zu feiern. Wobei dann aber doch schnell Stimmen aus dem Flügel der AfD aufkamen, dass wohl lieber die Deutschen—und vielleicht noch ein paar wirklich vortrefflich germanisch aussehende Schweden—unter sich bleiben sollten. 

 

Pippi Langstrumpf, ihr Äffchen und ihr Pferd würde man so schnell wie möglich zu Ehrenbürgern des Nordhofs machen. Über ihren Impfstatus lagen zwar keine verlässlichen Informationen vor, aber auch die gute Pippi machte sich ja schon immer die Welt, widdewidde wie sie ihr gefällt. Mit ihrem gegen den Mainstream gerichteten Einmaleins war sie ebenfalls seit jeher eine Vorreiterin gewesen, die sich nicht einfach der platten, tumben Mehrheitsmeinung unterwarf. Hollahi-hollaho-holla-hopsasa. 

 

Die Anregung, auch gleich noch Räuber Hotzenplotz zum Ehrenbürger zu machen, musste erst noch ausdiskutiert werden. Zwar war er ein Vorbild bezüglich seiner systemkritischen Haltung gegenüber des von Wachtmeister Dimpfelmoser repräsentierten Obrigkeits- und Überwachungsstaates. Zum Teil musste man Herrn Hotzenplotz aber wohl doch etwas kritisch sehen. Da war also noch keine Entscheidung gefallen. Als Ortsvorsteher musste Bosse hier noch nicht umgehend eine Ehrenbürgerurkunde ausstellen. 

 

Während sich Bosse somit in Bullerbü an die immer komplexer werdenden detaillierten Planungen zur Umsetzung von Dreihnachten in Bullerbü machte und noch glaubte, alles gut genug durchdacht zu haben, überschlugen sich die Ereignisse. 

 

Denn bereits vor dem Anruf von Boris Johnson hatte es eine Videokonferenz mit chinesischen Investoren gegeben. Diese wollten gleich ganz Mittelschweden aufkaufen, hatten Pläne, wie man es dann dort mit der Meinungsfreiheit halten wollte, und überhaupt schien ihnen dieses Bullerbü zu klein konzipiert. Da begann Bosse, nun doch etwas Angst vor der eigenen Courage zu bekommen. 

 

Insofern war die eher harmlos gemeinte Anfrage des britischen Premierministers der Tropfen, der für Bosse und seine Idee eines friedlichen Dreihnachten in Bullerbü das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. 

 

Bei Johnson war seine Sehnsucht nach Bullerbü zunächst dadurch gespeist, dass er es großartig fand, dass in jenem Ort strubbelige Blondschöpfe hoch im Kurs standen; je schlechter frisiert, desto besser. Er spielte auch mit dem Gedanken, einen Bullerbüer Bullingdon Club zu grün­den, denn diesem sehr exklusiven, infantil-anarchischen Verein hatte er ja bereits in Oxford angehört. 

 

Zudem ging Johnson davon aus, dass er bestimmt auch irgendwelche schwedischen Vorfahren hatte. Denn waren da nicht irgendwelche Johanssons die Vorbesitzer des Südhofes gewesen? Über kurz oder lang würde es dann zum Bullerbüxit kommen: raus aus Schweden, raus aus der EU. 

 

Genügend Gründe jedenfalls, dass er zum Telefon gegriffen hatte und sich direkt mit dem Ortsvorsteher von Bullerbü hatte verbinden lassen. Ob es denn nicht möglich sei, mit seiner Frau und den beiden Kindern schon einmal Weihnachten in Bullerbü zu verbringen, wollte er wissen. Er versprach auch, sich an alle in Bullerbü geltenden Coronaregeln zu halten, also keine exzessiven Partys mehr. 

 

Doch auch dieses Versprechen des Premierministers hatte Bosse, den Ortsvorsteher, keineswegs beruhigt. Bosse sah seine Felle davonschwimmen. Das mit dem friedlichen Dreihnachten in Bullerbü war wohl doch eine Schnapsidee gewesen. 

 

Zuerst all die Deutschen, die über Bullerbü herfallen wollten. Dann die Chinesen mit ihren nicht ganz leicht zu durchschauenden Plänen. Und jetzt auch noch dieser Wirrkopf mit der wirren Frisur aus Großbritannien. Da war doch etwas oberfaul im Staate Schweden (in Dänemark ja vielleicht auch). 

 

Jetzt reichte es Bosse jedenfalls endgültig. So ging das nicht. Er würde einfach niemanden mehr nach Bullerbü hineinlassen! 

 

Bosse riss nach dem Telefonat mit Boris Johnson die altmodische Telefonleitung aus der Buchse. Kein Kontakt mehr zur Außenwelt! Bosse wollte einfach nur noch ruhige und beschauliche Weihnachten verbringen. Auch ohne Besucher aus dem Rest der Welt gab es in Bullerbü schon immer genügend Stress an Weihnachten. 

 

Bevor Bosse nach diesem von ihm gefassten Beschluss sein Büro verließ, nahm er noch eine wichtige Aktualisierung auf der Startseite des Internetauftritts von Bullerbü (https://international.bullerbue.se/) vor. Er stellte folgenden Text ein: 

 

Liebe Menschen auf der ganzen Welt, 

 

wir bedanken uns sehr für das große Interesse an Weihnachten in Bullerbü. Doch auch wir sind nicht mehr Herr der Lage. Das für dieses Jahr zunächst geplante Fest von »Dreihnachten«, mit dem wir alle und alles unter einen Hut bringen wollten, wird daher abgesagt. 

Bei aller Enttäuschung sollte jedoch nicht vergessen werden, dass Bullerbü auch nicht mehr das ist, was es einmal war. Glauben Sie mir! 

Wir raten allen dazu, einfach zu Hause zu bleiben. 

Machen Sie es sich gemütlich, wo Sie gerade sind, bleiben Sie friedlich, suchen Sie keinen Streit! 

Wir wünschen Ihnen von Herzen alles Gute, ein gesegnetes Weihnachtsfest und selbstverständlich ein gutes neues Jahr 2022. Bleiben Sie an Leib und Seele gesund!!! 

 

gez. Bosse 

Ortsvorsteher von Bullerbü 

 

Endlich einmal eine Absage, die niemandem wehtun würde und wohl eher segensreich wäre. 

 



(c) Joachim Mathieu 2021

Achtung!!! Warnung!!! Wer auf "Meine Geschichten lesen" klickt, wird leider nicht alle meine Geschichten lesen können, aber auf der Internetseite eines relativ bekannten Internethändlers einen "Blick ins Buch" werfen können. Dort kann man dann tatsächlich etwas lesen und sich auch anhand des sichtbaren Inhaltsverzeichnisses einen ersten Eindruck von den insgesamt 26 Kurzgeschichten verschaffen. Ach ja, und bestellen könnte man das Buch dann auch ... ;-)